Die Aleviten und die Natur


Im Jahr 2015 haben wir als Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) e.V. ein Projekt mit dem Titel „Umwelt und Umweltbewusstsein im Alevitentum“ durchgeführt. Unter anderem ging es in der begleitenden Forschung darum, herauszufinden, ob und inwieweit die enge Verbindung zur Natur, die einst das Alevitentum auszeichnete, noch heute bei Aleviten und Alevitinnen in Deutschland vorhanden ist. In Interviews und Veranstaltungen haben wir versucht, etwas über die alevitische Liebe zur Natur und zur Umwelt herauszufinden. Dabei herausgekommen ist (in aller Kürze):


Ja – es gibt ein charakteristisches alevitisches Natur- und Umweltbewusstsein! Bei einigen Aleviten ist es noch da, dieses intensive Gefühl, ein Teil der Natur zu sein oder tief Luft holen zu müssen auf einem Berg. Was auch mit Natur zu tun hat, ist eine gewisse Traurigkeit und das unspezifische Gefühl, etwas verloren zu haben. Das Gefühl zur Natur ist eng mit Heimat verbunden und kommt somit eher bei den Älteren vor. Es gibt aber auch die Studentin die sagt: „also ich suche mindestens einmal am Tag irgendeine stille Stelle. Einen Moment, ob Sekunden, Minuten, Stunden in der Natur. Ob jetzt zum Beispiel die große schöne Weide am Rhein oder im Park“. Die Natur ist für sie Zufluchtsort und Quelle von Energie.


Nein – die Aleviten unterscheiden sich in ihrem Umweltbewusstsein nicht von den übrigen Menschen in Deutschland. Insbesondere für die Jugendlichen gilt das: Sie lieben Fastfood, wie alle anderen auch, trinken Softgetränke aus Plastikflaschen, fahren gern mit dem Auto, verbrauchen viel Strom und flüchten bisweilen vor Insekten. Aber auch unter ihnen gibt es einige, die es anders machen: Vegetarier aus Überzeugung zum Beispiel. Und dort, wo die Überzeugung ins Spiel kommt, da ist manchmal auch das Alevitentum dabei. Bei Ümüt (Name geändert) zum Beispiel. Wenn es nach ihm ginge, sollten Aleviten und Alevitinnen vegetarisch leben – allein aus Respekt vor der Kreatur. Heilige Orte bspw. in Dersim bedeuten den jungen Leuten nicht mehr viel. Sie sind schon zu weit entfernt und sie verbinden höchstens noch schöne Erlebnisse mit den Großeltern damit. In Deutschland geborene und heranwachsene Jugendliche haben kaum Berührungspunkte zur Natur. Es gibt keine heiligen Plätze, die die Jugendlichen ansprechen, wie es in den Herkunftsregionen ihrer Eltern der Fall ist. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch in der Diaspora heilige Orte in der Natur gefunden werden können?


Wenn aber auch die Nähe zur Natur im Alltag bisweilen nicht stark ausgeprägt ist und sich die Aleviten, mit denen wir gesprochen haben, in ihrem Gefühl zur Natur erheblich voneinander unterscheiden – etwas, was sich durch alle Gespräche zog wie ein roter Faden, war die alevitische Ethik mit ihrer Betonung der Eigenverantwortung, des selbständigen Denkens, der Toleranz und der Liebe zum Menschen. Viele Aspekte des positiven Menschenbildes der Aleviten finden sich in Motiven der Natur: der Mensch ist der „Ozean der Wahrheit“ oder „das Instrument, durch dessen Klang Gottes Liebe auf der Erde erklingt“ (Aşık Daimi). Aşık Veysel besingt die schwarze Erde als seinen treuesten
Freund. Und eine 27-jährige Interviewpartnerin beschreibt das Wasser, wie es in der Natur fließt und ganz von allein, ohne Repression seinen Weg findet, wie eine Parabel auf die Freiheit.


Im Projekt haben sich zudem unter dem Motto „Technik aus – Umwelt an!“ viele Jugendliche engagiert – in einigen alevitischen Gemeinden in NRW werden demnächst Aufkleber zu umweltfreundlichem Verhalten auftauchen, die die Jugendlichen konzipiert haben.
Speziell in diesen Tagen könnte man denken: Natur und Umweltschutz? Wir haben wahrlich andere Sorgen! Da ist etwas dran – andererseits werden die Sorgen um die Natur, die wir uns heute nicht machen, die Sorgen von morgen sein. Die Natur hängt – ob nun abstrakt oder nicht – eng mit der alevitischen Identität zusammen. Weil für die Aleviten das Göttliche oder die Wahrheit nicht nur in jedem Menschen lebendig sind, sondern auch in der Natur. Und die Natur gibt den Eltern, die von ihren Kindern gefragt werden „was heißt das eigentlich, ein Alevit zu sein?“ viele schöne weitere Möglichkeiten, zu antworten. Vielleicht sollte man sich auch in schwierigen Zeiten darauf besinnen: Die Liebe zur Natur kann Trost und Hoffnung sein – gerade für Aleviten.


Die Autoren dieses Beitrags:

Dr. Hıdır Çelik, Politologe / Schriftsteller. Dozent an der Uni Köln und Vorsitzender des Bonner Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) e.V.

Mika Wagner, Soziologin und freie Mitarbeiterin am Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) e.V.

Ausführliche Informationen zum Projekt erhalten Sie dort (www.bimev.de) oder auf der Webseite des BDAJ-NRW. Das Projekt „Umwelt und Umweltbewusstsein im Alevitentum“ wurde gefördert von der Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW.